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Unendlich frei

Hanspeter Wolfsberger | 28. Mai 2007 | 2007 | Schlagworte: Nachfolge , Glaube , Christsein , Freiheit , Gott

“Nichts ist umsonst! - Oder???

Wir leben oft so, als müssten wir uns Liebe, Zuwendung und Wertschätzung verdienen.

Der Gottesdienst war eine einzige Ermutigung, sich doch - um Gottes Willen - endlich unendlich beschenken zu lassen!

Nach einem witzig-spritzig-tiefsinnigen Theater (Danke Senta und Moritz! Ihr ward genial!) wurden wir mit Liedern und Gebeten eingeladen, den Blickkontakt zu Gott zu wagen. “Schaltet auf Empfang!”

Empfangen konnte man in den 120 Minuten alles, was man zum Leben braucht: Bedingungslose Liebe - PUR!

Pfarrer Hanspeter Wolfsberger fragte sehr direkt: “Wieviel Christen, Pastoren, Diakonissen kennt ihr, die wirklich frei sind?”
Ehrlich berichtete er von prägenden Meinungen, die sein Christsein lange Zeit in die Unfreiheit und Angst geführt haben:
- “Je weniger Sünde es in deinem Leben gibt, desto besser dein Christsein!”
- “Wenn du dich “so-und-so” verhältst, dann bist du ein guter Christ!”
- “Das Wichtigste ist, dass du den Willen Gottes für dein Leben kennenlernst!”

Immer und immer wieder brachte es HP Wolfsberger mit neuen Worten und Beispielen auf den Punkt, worauf es wirklich ankommt:
- Nicht Bedingung, sondern Beziehung.
- Nicht ständiges Kreisen um Spezialthemen wie “Sünde”, “Wille Gottes”, sondern Genuss der Gegenwart Gottes.

Nehmt den Hunger eurer Seele wahr und lasst euch nicht zum “Schein-Heilig-Sein” verführen. Nicht “recht-machen”, sondern “echt-sein” ist wesentlich. Vor den göttlichen Vateraugen braucht man keine Angst zu haben. Wohlfühlen ist angesagt, weil Gottes Vaterherz voller Liebe schlägt. Sucht und erlebt Gott und seine Nähe.

“Es wäre schlimm, nur Gottes Willen zu suchen und nicht Gott. Das Hauptthema des christlichen Glaubens ist nicht (!!!) die Vermeidung von Sünde, sondern das Geliebtsein von Gott.”

Veranschaulicht wurde die befreiende, gute Nachricht am Beispiel des Vaters mit den zwei Söhnen (Bibel, Buch von Lukas, Kapitel 15). “Die eigentlich tragische Gestalt in dem Gleichnis ist der ältere Sohn. Er war immer auf dem elterlichen Hof und doch droht er verloren zu gehen. Warum? Dazu lohnt sich ein genauer Blick auf sein typisch religiöses Verhalten”.

Der ältere Sohn verkörpert drei typische Merkmale eines falsch verstandenen Christseins. Unfreiheit kommt zustande, wenn man sein Christsein abhängig macht von

1. Leistung: “So viele Jahre habe ich gedient!” Die Beziehung hat Dienstleistungscharakter.

2. Moral: “Nie habe ich eines deiner Gebote übertreten!” Wo Moral zum Grundprinzip des christlichen Glaubens wird neigt man dazu, andere zu verachten und zu verurteilen. Dahingegen lebt der echte, befreite Glauben vom Staunen. Unsere Beziehung zu Gott und Menschen steht und fällt nicht mit unserer Tadellosigkeit. Sie steht und fällt mit Gottes Reichtum an Vergebung.

3. Verzicht: “Mir hast du nie einen Bock gegeben!” Der Ältere hatte Lust zur Party, aber sein falsches Vaterbild (”Genuss ist bestimmt unvereinbar mit seinen Prinzipien”) führte ihn zu einem verklemmten Lebensstil. Viele Christen reduzieren ihr Christsein auf Verzicht und leben in einer Enge, die nichts mit Gottes Weite zu tun hat. Der Ältere stellte bei der Rückkehr seines lebenshungrigen Bruders fest, dass sein Vater viel spendabler ist als geahnt.

Wer Christsein als Verzicht versteht braucht sich nicht zu wundern, wenn die Lebensfreude abnimmt, eine gewisse Lähmung einsetzt und unterdrückter Zorn plötzlich vulkanartig an die Oberfläche kommt (”Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.”).

Gott sei Dank geht der Vater auch dem älteren, verklemmten Sohn entgegen, um ihn in seine Gegenwart einzuladen. Er soll sein Kind-Sein nicht aufs “Richtigmachen” reduzieren. Er soll Angst-befreit mit dem Vater leben. Leben ist nicht gleichzusetzen mit Dienst für Gott. Leben ist mehr. Leben ist Beziehung - Liebe.

Beziehung zu Gott kann man nicht über Dritte (Pastoren, Bücher, …) leben. Kein Buch (auch nicht die Bibel) und kein Mitchrist sind mit Gott gleichzusetzen. Nur Gott ist Gott.

Christsein heißt: zu Gott kommen und in seiner Nähe leben.

Christsein heißt: von Gottes guten Gütern leben (Gott sagt: “Was mein ist ist dein!”) Bescheidenheit Gott gegenüber ist nicht angebracht. Christen schränken ihre Lebensqualität oft ein durch eine selbstgewählte Gesetzlichkeit. Wir haben keinen spießigen, knickrigen Vater im Himmel.

Christsein ist ein Vorrecht!
Gott lässt uns wissen: “Du bist recht, weil du meine Herzensangelegenheit bist! Du bist mein Kind. Du musst nichts beweisen! Ewiges Leben ist mein Geschenk an dich.”

Immer wieder müssen wir prüfen, wie wir unser Christsein verstehen und leben.
Es bleibt dabei: Wir werden nicht zu Papas Lieblingen durch Leistung, Moral und Verzicht.
Wir sind Gottes Lieblinge, weil sein Herz uns dazu gemacht hat.”


Hanspeter Wolfsberger

Hanspeter Wolfsberger ist Gemeindepfarrer in Betberg-Seefelden (Markgräflerland) und leitet dort das „Haus der Besinnung“. Er ist verheiratet mit einer Frau, die er noch tausendmal heiraten würde, und ausgestattet mit 9 Kindern. Seine beruflichen Stationen: Gemeindepfarrer in Staufen, Aldingen (nicht verwechseln mit Aidlingen!) und Betberg-Seefelden; von 1993 bis 2003 war er Direktor des Gesamtwerkes der Liebenzeller Mission. Theologisch ist ihm eine biblisch-reformatorische Ausrichtung wichtig, ein Umgang mit dem gebenden und versöhnenden Gott. Oder, wie er es mit einem Zitat ausdrückt: „Mein Gott ist größer als ich. Er hat mich lieber, als ich mich selbst habe. Ich bin von ihm mehr gehalten als ich mich selbst halten kann… Nur Christus ist es, der mich durchbringt, liebe Leute. Sein Leben muss es tun, nicht mein Leben. Seine Liebe, nicht meine Liebe. Sein Gebet tut’s, nicht mein Gebet.“ (Ludwig Hofacker). Wer mehr über ihn erfahren möchte, sollte seine „Brösel“ lesen!